Homepage von Peter Rachow Startseite - Home

Tiefertauchen - Pro und Contra (Teil II)

Kurze Rezension eines bekannten Artikels mit einigen kritischen Anmerkungen

Urheberrechtshinweis: Der Originaltext des Institues wird hier teilweise im Wortlaut abgedruckt, um die Anmerkungen an passender Stelle in den Zusammenhang einbetten zu können. D. h. meine Anmerkungen stehen an dieser Stelle im Vordergrund, nicht primär der Orginaltext, auch wenn sich meine Ausführungen auf diesen beziehen.

Tieftauchen mit Pressluft
Welches ist die sichere Tauchtiefe?

Herausgeber:

Institut für Hyperbar- und Tauchmedizin GmbH+Co. KG
(Private Trägerschaft)
Oberer Eselsberg 45/1
89081 Ulm/Donau
Tel. 0731/53333
Fax 0731/552400

Ärztlicher Direktor:
Dr. med. Gerd W. Ewert, Arzt für Hals-Nasen-Ohrenkunde

Technischer Direktor:
Reinhard Berger

Tieftauchen mit Pressluft: Welches ist die sichere Tauchtiefe?

In der kürzlich entflammten Diskussion um die sichere maximale Tauchtiefe mit Preßluft-Tauchgeräten zeichnet sich neuerdings unter Sporttauchern und leider auch in Veröffentlichungen in Tauchzeitschriften eine Tendenz ab, das tauchmedizinisch wohl begründete Tiefenlimit von 40-50m Wassertiefe zu verlassen und größeren Tauchtiefen das Wort zu reden.

[...]

Verheerend daran ist, daß oftmals ausgerechnet Tauchlehrer oder Basisleiter als sog. Opinion-Leaders in ihrer Vorbildfunktion durch den eigenen fahrlässigen Umgang mit dem Tiefenlimit bei ihren Schülern oder Sporttaucher-Klienten ein diesbezüglich mangelhaftes Problembewußtsein und gefährliche Risikobereitschaft aufkommen lassen oder fördern. Dieser Vorwurf an die Adresse von Tauchausbildern laßt sich mühelos erharten, denn die Zahl der Tauchunfalle in Deutschland liegt bei jährlich ca. 200 bis 300. (Hier fehlt der Beweis der Kausalität, d.h. es wird nicht ausgesagt, welcher Art und Ursprung die Unfälle waren, bzw. ob das Aufsuchen größerer Tauchtiefen überhaupt signifikanten Anteil am Eintritt des Unfalls hatte. P.R.) . An unserem Institut für Hyperbar- und Tauchmedizin in Ulm werden jährlich ca. 30 Tauchunfälle behandelt. Von diesen sind ca. 70 Prozent als Tauchausbilder tätig. Ähnliche Erfahrungen werden auch in Ägypten oder auf den Malediven gemacht (zu unpräzise, welcher Art sind die Erfahrungen genau, welcher Art sind die Unfälle? P.R.) .

Die im Rahmen der Unfallbehandlung zu führenden taucherärztlichen Anamnese-Gespräche mit diesen Patienten lassen einen teilweise erschreckenden Mangel an medizinischem Grundwissen und Verantwortungsbewußtsein erkennen (eventuell mitverursacht durch eine völlig defizitäre Tauchausbildung?) . Belegt wird dies auch durch die vorliegenden Computerausdrucke der durchgeführten Tauchprofile. (Tauchprofile haben nicht notwendigerweise etwas mit Tauchtiefen zu tun, auch oberhalb 30 m WT sind schwerwiegende Fehler bei Tauchprofilen möglich, z.B. exzessive Jo-Jo-Tauchgänge. P.R.)

[...].

Vorbemerkungen

Der Stickstoffgehalt (N2) der Atemluft beträgt 79 Prozentvolumen oder, - als Bruchteil von 1 ausgedrückt: FiN2 = 0,79 (F=Fraktion). Wenn PB der Umgebungsdruck im Wasser und PN2 der Teildruck (P=Partialdruck) des Stickstoffs in der eingeatmeten Luft ist, so gilt der Zusammenhang

PN2 = FIN2 x PB, daraus folgt PB = PN2 geteilt durch FiN2

Eine nahezu hundert Jahre umfassende wissenschaftliche Forschung an Arbeiten von Druckluftbaustellen, Marinetauchern und anderen professionellen Tauchern hat zweifelsfrei ergeben, daß oberhalb eines Stickstoffpartialdruckes von 4 bar (PN2 = 4 bar) die ersten Anzeichen und Symptome einer N2-toxischen Wirkung auftreten (wobei sicher niemand bestreitet, dass diese Symptome auftreten können, übrigens auch oberhalb von 40m WT) . Setzt man diesen toxischen PN2 = 4 bar und die Konzentration FiN2 = 0,79 in obiger Gleichung ein, ergibt sich als zugehöriger Umgebungsdruck (PB = 4,0 geteilt durch 0,79) = 5 bar.

Nach Abzug des Luftdrucks an der Oberflache (1 bar) betragt der kritische Umgebungsdruck im Wasser 4 bar. Dies entspricht einer Wassertiefe von 40 m WT. Ab dieser Tiefe muß daher mit Symptomen einer Inertgas-Intoxikation ( Tiefenrausch ) gerechnet werden (was nie bestritten wurde! P.R.) .

Unter pharmakologischen und toxikologischen Aspekten ist N2 wie ein beliebiges Medikament zu betrachten. Unterhalb einer bestimmten Dosis entfaltet es keinerlei bemerkenswerte Effekte. Oberhalb einer Grenzdosis jedoch wirkt es bei jedem Säugetierorganismus toxisch und meist tödlich. Dazwischen liegt ein Dosierbereich, in dem sich die typische Wirkung dosisabhängig zunehmend stiegert (Leider fehlen empirische Analysen ab welchem ppN2 eine massiv toxische Wirkungen für ein gößeres Kollektiv zu erwarten sind, stattdessen wird mit Vokabeln wie 'meist tödlich' Angst gemacht. Verschwiegen wird, dass hier der ppN2 deutlich höher als 8 bar [~70 mWT] sein muss! P.R.) . Dieser Bereich ist für N2 hochgradig variabel, und zwar bei ein und derselben Person selbst, wie auch zwischen den einzelnen Individuen. Hinzu kommen einerseits Faktoren, die eine Anfälligkeit (Disposition) gegen toxische N2-Effekte erhöhen, andererseits gibt es auch dispositionsmindernde Umstände (Korrekt, besonders letzteres! P.R.) .

Ablauf der Inertgas-Intoxikation

Die Inertgas-Narkose-Effekte beginnen schleichend und harmlos mit einem Hochstimmungsgefühl (Euphorie), Kritikverlust, gefolgt von Beeinträchtigung der Hirnleistung, Aufmerksamkeit, Einschatzungsvermögen der Gefahren. Es folgen Müdigkeit und bei ca. 90 - 100 m WT eine Vollnarkose mit Tod durch Ertrinken.

Disponierende Faktoren sind Alkohol, Müdigkeit, Streß, körperliche Anstrengung (Sport am Strand wahrend einer Oberflächenpause vor geplantem weiteren Tauchgang) und erhöhter Kohlendioxid(CO2)-Partialdruck in Lunge und Blut (PA CO2). Weiter wirkt hoher Sauerstoffpartialdruck (PiO2) der Einatmungsluft disponierend.
Eine Dispositionsminderung tritt ein, wenn an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen getaucht wird. Dies beruht auf einer Gewöhnung des Nervensystems an den toxischen N2-Effekt (stimmt, Training gehört zum sicheren Tieftauchen zwangsläufig dazu! P.R.) .

Hier soll besonders auf die Inertgasnarkose verstärkenden Effekt erhöhter CO2-Drucke in der Lunge hingewiesen werden. Der normale PCO2 der Lunge beträgt 35-45 Torr (=mmHg). Bereits bei Werten von 50 Torr beginnt CO2 toxisch zu wirken, und schon bei 60 Torr entsteht das Vollbild einer CO2-Vergiftung, bei 90 Torr tritt Vollnarkose ein. Der CO2-Druck der Lunge hat nun, - was offensichtlich zu wenig bekannt ist, - die Tendenz, schon bei geringstem Zurückbleiben der Lungenbelüftung (VA in Litern/Minute) hinter dem physiologischen Sollwert kritisch zu entgleisen, wobei eine CO2-Anhäufung (Retention) im Blut entsteht.

  • Eine solche CO2-Retention kann bei 15 Prozent aller Menschen durch angeborene Fehlsteuerung der Atmungsregulation eintreten (sog. CO2-Retainer), die bei gewöhnlichen ärztlichen Untersuchungen unentdeckt bleibt. In der Regel erfahrt daher ein Sporttaucher von einer solchen evtl. Gefahrdung nichts.
  • Weiterhin steigt der CO2-Druck ausweislich systematischer Untersuchungen auch bei geübten professionellen Tauchern bereits bei moderater körperlicher Anstrengung unter Wasser in 50 Prozent aller Falle auf Werte um 50 Torr.
  • Schließlich führt auch eine subjektiv unmerkliche Ermüdung der Atemmuskulatur bei Zunahme der Atemgasdichte mit der Tiefe zur insuffizienten Lungenbelüftung und somit zum PCO2-Anstieg in Lunge und Blut. In 50m WT herrscht ein Druck von 6 bar. Die Dichte der geatmeten Pressluft betragt dort das sechsfache der Oberflächendichte (Dichte von Luft (Oberflache) = 1,29 Kg/Quadratmeter (muss heißen 'Kubikmeter', Dichte = m/V) ). Die Lungenatmung, ausgedrückt in Liter Luft / Minute, nimmt auf den Wert 1 ab, das ist 41 Prozent der normalen Atmung der Oberflache.

Schlußfolgerung

Es muß festgestellt werden, daß die Kohlendioxidanreicherung in der Lunge beim Tauchen ein äußerst häufiges Ereignis darstellt, das deswegen prekär ist, weil hierdurch die N2-Narkose-Effekte additiv verstärkt werden, und weil der Taucher die CO2-Retention beim Tauchen praktisch nicht bemerkt. Hierdurch besteht die Gefahr eines unbemerkten Hineingleitens in einen Bewußtseinsverlust unter Wasser (Leider lassen sich in der empirischen Untersuchung von Tauchunfällen, eben jene Kausalitäten nicht zweifelsfrei nachvollziehen, sie werden schlicht nicht erwähnt) .

Aus tauchmedizinischer Sicht ist daher dringend davor zu warnen, Tauchtiefen von 40 m Wassertiefe mit Presslufttauchgeräten zu überschreiten.

Daß im Einzelfall Tauchgänge nach 60 - 70 m WT vom Taucher als systemlos (soll doch wohl eher 'symptomlos' heißen? P.R.) erlebt werden, erklärt sich zum einen aus der erwähnten Variabilitat der Empfänglichkeit des Individuums für die N2-toxische Wirkung oder durch Adaption ( Gewöhnung ), oder aber der subjektive Eindruck der Systemlosigkeit ist bereits Symptom, nämlich Ausdruck nachlassender Hirnleistung und Kritik. In jedem Falle liegt es in der Verantwortlichkeit des einzelnen Tauchers für sich selbst, welchen Risiken er sich aussetzt. Aber die Risikolosigkeit, des Überschreitens des Tiefenlimits von 40m WT als Lehrmeinung unter Tauchern zu verbreiten, ist verantwortungslos. (Wobei sicher kein ernstzunehmender Befürworter größerer Tauchtiefen, pauschal allen Tauchsportlern empfehlen würde, die eigenen Grenzen kritiklos zu überschreiten. P.R.)

Dr. med. Gerd Ewert
Ärztlicher Direktor

Dr. med. Thomas Zeller
Stv. arztlicher Direktor

Reinhard Berger
Technischer Direktor

Schlussanmerkung: Insgesamt erbringt dieser von Befürwortern einer generellen Tiefenbegrenzung von 40 m WT für das Sporttauchen häufig und gern zitierte Artikel keine neuen Informationen. Es handelt sich über weite Strecken um tauchmedizisches Allgemeingut. Es gelingt den Autoren insbesondere nicht, den am Anfang postulierten Zusammenhang zwischen größerer Tauchtiefe und erhöhter Unfallgefahr empirisch zu belegen. Dies wäre für eine ernsthafte und der Sache angemessene Diskussion wünschenswert gewesen. Hier bleiben die Aussagen oberflächlich und über weite Strecken unwissenschaftlich.

Eine lediglich an theoretischen Symptomen orienterte Beschreibung hypothetischer Unfallursachen ist nicht geeignet, in der Realität existierende, aber noch zu beweisende und dann stringent aufzuzeigende Kausalitäten zu ersetzen. Einziger Ansatzpunkt dieses Artikels, eine generell zu befürwortenden Tiefenlimitierung zu rechtfertigen, ist die Gefahr einer N 2 -Narkose. Diese kann jedoch, wie sich in der Praxis zeigt, vom geübten Taucher sehr wohl behrrscht werden. Weitere Problemkreise, wie die Bildung von Mikrogasblasen bei unzureichendem Dekompressionsprofil und eine mögliche O 2 -Intoxikation, fehlen dagegen völlig.

Peter Rachow