Homepage von Peter Rachow Startseite - Home

Das PAID-System

Was ist eigentlich PAID?

Vor den weiteren Ausführungen muss zuerst herausgestellt werden, dass es sich bei der Schreibweise "PAID" nicht um einen Buchstabendreher handelt, sondern, dass diese Schreibung völlig korrekt und beabsichtigt ist. Und man muss weiterhin klarstellen, dass nicht nur PADI (nach eigenen Angaben Marktführer in Sachen Tauchausbildung) gemeint ist. PADI ist nur ein Teil des PAID-Systems, wenn auch ein großer. Alle anderen modernen Organisationen, seien es SSI, CMAS, und insbesondere alle ganz kleinen "Verbände", die mitunter nur aus den Gründungmitgliedern und damit den "Chief Master Scuba Diver Trainer Course Directors" bestehen, können sich mit ihren in kleine Kurse zerstückelten Tauchausbildungen und ihren inhaltsarmen auf das absolut Notwendige abgespeckten Vermittlungsversuchen ebenfalls in das PAID-System einreihen.

Der Begriff PAID kommt aus dem Englischen (von to pay =bezahlen, als Partizip paid =bezahlt). Dies deutet an, wie der Begriff zu interpretieren ist. Die Wortschöpfung selber wurde meiner Erinnerung nach von Leon Berger in der Newsgruppe de.rec.sport.tauchen zum ersten Mal erwähnt und beschreibt mit treffender Genaugkeit, wohin der Tauchsport in den letzten Dekaden degeneriert ist. Nämlich just in jene Ecke der sog. "Funsportarten", die leicht zu erlernen für jedermann, dem zivilisationsmüden Menschen eine schnelle "Verfügbarkeit" intensiver haptisch-emotionaler Erlebnisse und damit einen maximierten Lustfaktor bei geringster Belastung von Körper und Geist bereitstellen. Dies alles unter der Voraussetzung, dass man genug Geld zu bezahlen bereit ist. Geld, das dann für eine sog. "Tauchausbildung" verwendet wird, die oft den Gattungsbegriff "Ausbildung" nicht mehr verdient, sondern eher unter "Vermittlung der minmal notwendigen überlebenstechnischen Grundkenntnisse im Flachbereich eines Gewässers" zu subsumieren wäre.

Was charakterisiert das PAID-System?

1. Portionierung der Lerninhalte

Die Aufteilung der Lerninhalte in kleinste Portionen und dem häppchenweisen Darbieten in aufeinander folgenden Kursen ist ein Charakteristikum moderner Tauchausbildung. Die Tauchschüler müssen aus diesem Grunde heute mehrere Stufen an Tauchscheinen absolvieren, um auf eine Ebene ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten zu gelangen, wo selbstständiges Tauchen verantwortet werden kann. Dies sind i. d. R. 3 bis 4 nacheinander zu kaufende Zertifikate, von denen jedes mit 200 bis 300 Euro zu Buche schlägt. Dabei haben die Kurse eine Dauer von i. d. R. 3 bis 4 Tagen. Sie beginnen meistens mit einer Stufe, die sich z. B. "Open Water Diver" oder ähnlich nennt. Diese qualifizieren die Kursteilnehmer dazu, " unter gleichen oder besseren Bedingungen " wie während der Tauchausbildung zu tauchen (Zitat PADI). Dies bedeutet streng genommen, dass diese Taucher nur mit einem "Tauchausbilder" tauchen düfen, da dieser ja bei den Ausbildungstauchgängen immer anwesend war.

Diese Ausbildungsgänge enden i. d. R. bei einem semi"professionellen" Zertifikat ("Divemaster", "Divecon" etc.), das den Erwerber in die Lage versetzen soll, bei der sog. Ausbildung mitzuhelfen und neue Kunden für das System zu aquirieren.

Dass sich dieser kurzen Zeit eines Kurses keine wirklich relevanten und vertieften Inhalte mit bleibendem Behaltwert vermitteln lassen, erscheint selbstredend. Ein längerer Kurs, etwa mit 12 bis 20 Wochen Dauer und 2 bis 3 Unterrichts- und Trainingsstunden wöchentlich kann natürlich auf Urlaubsbasen, wo die meisten dieser Unterrichtsversuche gehalten werden, nicht stattfinden. So findet der Aspekt des bei der Tauchausbildung pädagogisch Wünschenswerten seine Grenzen sehr schnell in der Organisationsstruktur einer durchschnittlichen Urlaubsplanung.

Auf die Spitze getrieben hat PADI dies zusätzlich mit den sog. "Specialties", also Sonderkurse, die beim CMAS-System "Sonderbrevets" heißen. Für jedes kleine Teilgebiet wird hier ein separater Extrakurs angeboten, mit teilweise nachgerade lächerlich dürftigen Inhalten. So gibt es bei PADI u. a. den

  • Night Diver
  • Boat Diver
  • Wreck Diver
  • Deep Diver (bis max. 35 m!)
  • Underwater Naturalist
  • Underwater Navigator
  • Dry Suit Diver
  • ......
und vielerlei mehr.

Die meisten dieser Inhalte ließen sich indes auch autodidaktisch im Selbststudium mit Literaturarbeit erwerben. Im Gegenzug ist jemand, der erfolgreich suggeriert bekam, dass man diese Plastikkärtchen aber unbedingt brauche, um sicher zu tauchen, schnell den Gegenwert einen Monatsgehaltes los, da jeder Kurs wiederum mit 100 bis 200 Euro die Geldbörse belastet. Man erhält allerdings schön gestaltete Plastikkärtchen dafür, was beim Selbtlernen leider i. d. R. nicht Fall ist.

Tipp am Rande: Eine gute Lösung ist hier die sog. Selbstbrevetierung unter Zuhilfenahme einer Software wie z. B. Corel Draw oder PowerPoint, im Handel erhältlicher bedruckbarer Folie, einem guten Tintenstrahlsdrucker (am besten ein HP-Deskjet, damit sind die Ergebnisse am authentischsten), transparentem DC-Fix, silberner Sprühfarbe und einer alten Telefonkarte.

2. Reduzierung der Inhalte auf das absolut notwendige Minimum

Die Erfordernis, praktisch jeden Kurs vom Zeitansatz her in einem Urlaub vermitteln zu können, zeitigte neben der Aufteilung der Lerninhalte auf einzelne Kurse eine weitere erheblich die Qualität reduzierende Folge: Die maximal möglich Reduktion des Lernstoffes auf das absolut notwendige Restvolumen und teilweise darunter.

Vergleicht man die Ausbildungsinhalte der PAID-Organisationen mit dem, was ein neuer Taucher nach Meinung erfahrener Taucher wissen muss, erkennt man besonders in den unteren Brevetierungsebenen dramatische inhaltliche Defizite. Das Wissen um Dekompression z. B. wird in modernen Ausbildungen weitestgehend nicht vermittelt. Um dies zu rechtfertigen, geht man einen abenteuerlichen Weg: Es wird seitens der Ausbildungsorganisation suggeriert, damit sei insgesamt etwas sehr Gefährliches verbunden, das man nur umgehen könne, wenn man konsequent innerhalb der sog. "Nullzeit" tauche, also überhaupt keine dekompressionspflichtigen Tauchgänge unternehme. PADI geht letztlich sogar soweit, Dekompressionstauchgänge ausdrücklich mit expliziten Notfällen gleichzusetzen ("Ein Dekompressionsstopp wird als Notfallverfahren angesehen"). Durch diesen fatalen, wenngleich wirkungsvollen Schritt enthebt man sich nun der Pflicht, eine komplexe Materie zu unterrichten, weil man definitorisch deren Inhalt als solchen expressis verbis als gefährlich und damit als etwas zu vermeidendes darstellt. Ein insgesamt genialer, aber ebenso fataler Schachzug.

Summa summarum betrachtet erscheint diese Vermeidungsstrategie jedoch höchst logisch, da man dem zahlenden Kunden, der aus den unterschiedlichsten Vorbildungen und damit Lernvoraussetzungen kommt, nicht mit u. U. schwer verdaulichen Inhalten wie Physik, Medizin, Technik und Biologie gleich wieder verprellen will. Mit Inhalten also, die ein Taucher verstanden habe sollte, deren sachgerechte Aufarbeitung und Erlernen aber zu mühevoll erscheint. Tauchen soll schließlich, so sagt es der Marktführer immer wieder, "easy" sein, denn laut einem PADI-Slogan gilt schließlich "Diving is fun!" Und "Fun" und "Physik" sind ja nun einmal diametrale Gegensätze und schließen sich gegenseitig aus. Das weiß jeder aus der Schule. Und, das Verfahren spart natürlich auch Zeit und damit Geld, da man nicht genötigt ist, die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Teilnehmer auf ein einheitliches Ausgangsniveau zusammenzuführen, von dem aus dann der eigentliche Kursinhalt erschlossen werden kann.

Weiterhin darf man natürlich auch die körperliche Belastbarkeit des Tauchanfängers nicht überbeanspruchen. So ist denn auch zu erklären, dass moderne Tauchausbildung fast keine Anforderungen an die körperliche Fitness der Tauchschüler stellt, ja sogar gelegentlich "Taucher" ein Brevet erhalten, die nicht einmal ausreichend schwimmen können oder deren Fettleibigkeit so evident ist, dass man sich fragen muss, wie diese Herrschaften denn überhaupt jemals untergehen wollen.

Moderne Tauchausbildung verdient, zusammenfassend gesagt, wegen gravierender innerer und äußerer Schwachstellen diese Bezeichnung eigentlich nicht mehr. Es ist ein schwunghafter und durchaus einträglicher Handel mit bunt bedruckten, aber wertlosen Plastikkärtchen. Mehr nicht.

3. Unwissende Lehrer bilden unwissende Schüler aus

Bei vielen PAID-Organisationen ist es, wie z. B. bei PADI, heute möglich, nach kürzester Zeit (bei PADI z. B. mit einem halben Jahr "Taucherfahrung", so man dieses sich gerade auf dem Höhepunkt befindliche Anfängerstadium so nennen will,  bzw. 100 absolvierten Tauchgängen), sogenannter "Tauchausbilder" zu werden. Dass dies unervantwortlich ist, muss wohl nicht näher besprochen werden. Auch wenn diese "Tauchausbilder", die  maximal mit der Erfahrung eines besseren Anfängers aufwarten können, sicher die Ausnahme sind, so haben viel Instruktoren (so werden sie selbst von ihren Verbänden bzw. Franchisegebern bezeichnet) dieser Organsiationen, wie wir immer wieder beobachten konnten, selten mehr als 300 Tauchgänge Erfahrung, manche nur ca. um die 150.

Dass das lächerlich wenig ist, ist klar. Diese Personen haben weder die taucherischen noch die kognitiven und schon gar nicht die sozialen Kompetenzen, um nachhaltige Tauchausbildung erfolgreich betreiben zu können. Hier führt der Blinde den Lahmen und beide haben trotzdem das Gefühl, gut zu Fuß zu sein. Die Folgen können aber im Extremfalle sehr ungesund für die Beteiligten, insbesondere die Tauchschüler nach Breveterlangung, sein.

Danke an Annerose und Günter Mildenberger für dieses tolle Zertifikat! ;-)

Abschlussbetrachtung

PAID ist im Freizeittauchen heute Realität. Die Folgen sind grausig. Tauchen ist degeneriert von einer ehemals auf der Autonomie des Ausübenden (und vor allem dessen Fähigkeit aufgrund seiner vertieften Kenntnisse und Fähigkeiten selbstverantwortlich zu handeln) basierenden Sportart zu einem Freizeitspaß für Mitläufer und Gelegenheitskonsumenten. Einhergehend damit macht sich eine starke Tendenz zum Klamauk bemerkbar, was man gut an z. B. großen "Diverparties" mit Rundumshowprogramm einschließlich herumhampelnder Hupfdohlen auf Ausstellungen wie der "Boot" oder den Webpräsenzen von Repräsentanten des PAID-Systems erkennen kann (siehe ein repräsentatives Beispiel ) wo die Tendenz zur absoluten Trivialität und infinitesimalen Deintellektualisierung fröhlichste Urständ feiert. So wird dann das ehemalige Sporttauchen ein lustiger Freizeitspaß für debile und zigarettenrauchende Proleten mit IQ-Käppies, -shirts uand anderem sinnlosen Tand mehr. Das war's dann aber auch.

Wenn man seitens der PAID-Organisationen davon ausgeht, dass man in Kursen alles in kleine Häppchen zerhackt in kurzer Zeit lernen kann, und einem Tauchschüler mit 10 Tauchgängen ein "Advanced"-Brevet in die Hand drückt, und dieser letztlich glaubt, bereits ein alter Hase (weil er meistens sowieso keine Taucher kennt, die mehr als 50 Tauchgänge haben, eventuell hat sein Instructor ja 100) zu sein, wird es bizarr und mitunter gefährlich. Wie anders ist zu erklären, dass sich Leute mit noch nicht mal 20 Tauchgängen im frisch erworbenen Logbuch auf Tauchsafaris in Ägypten einfinden? Und wie anders ist es zu erklären, dass die wirklich erfahrenen Taucher dann unter dem Unvermögen der Frischlinge leiden, weil eben nur noch an völlig ungefährlichen Stellen getaucht wird, so dass selbst ein völlig unerfahrener Tauchanfänger am Tauchplatz Shaab-XY keinen relevanten gesundheitlichen Schaden davontragen kann?

So führt das PAID-System, bzw. seine Konsequenz, zu immer mehr Einschränkungen seitens der Tauchbasen: Verbot von Deko-TG, das Tiefenlimit wird teilweise bei 25 m angesetzt (Sharm-El-Sheik, Ägypten), es ist nur noch begleitetes Tauchen möglich (wobei die Guides teilweise keine 100 TG Erfahrung haben), etc. Dies alles hat mit klassischem Sporttauchen nichts mehr zu tun, das ist Disneylandtauchen in Reinstform. Ein "Fun-Event" eben.

Viele Ausbilder, Diveguides und Basenbetreiber haben mittlerweile selber Angst. Angst aber nicht vor den Leuten, die sie "ausgebildet" haben, sondern Angst vor dem Wasser und den Inhalten des "klassischen Sporttauchens" selber. Seit einigen Jahren gehen die Basen nämlich verstärkt in die Hand einer neuen "Taucher"-generation über, die mit dem PAID-System aufgewachsen ist und die nichts mehr anderes kennen gelernt hat als "Recreational Diving". Dabei ist "Recreational Diving" leider nur noch eine scheußlich verzerrte Karikatur des früheren Sporttauchens. Aber, der Markt erfordert es eben, und Markterfolg ist letztlich das einzig valide Kriterium für kommerziell operierende Anbieter. Nicht von ungefähr ist PAID mit allen seinen Unterorganisationen heute das dominante Ausbildungssystem im Freizeittauchen weltweit.